Freiversuchsregelung für das Wintersemester erneuern!

Offener Brief des AStA Kassel zu Freiversuchen im zweiten Corona-Semester

In der Sitzung am Mittwoch wird der Senat der Uni Kassel über den Antrag zu einer möglichen Freiversuchsregelung für das Wintersemester 20/21 entscheiden. Im Sommersemester wurde dies vom Senat schon beschlossen. Wir als Allgemeiner-Studierenden-Ausschuss Kassel fordern eine erneute Freiversuchsregelung! Darüber hinaus braucht es eine einheitliche Regelung zur Erweiterung der Regelstudienzeit durch das Land Hessen! Dazu veröffentlichen wir als AStA Kassel folgende Stellungnahme:

Die Online-Lehre ist auch im Wintersemester immer noch eine Herausforderung für Lehrende und Studierende. Trotz aller Bemühungen der Lehrenden die Online-Lehre durchzuführen, kann diese eine Präsenzlehre nicht ersetzen. Es ist nicht damit getan eine Vorlesung einfach aufzunehmen oder wöchentliche Fristen für Zusammenfassungen zu setzen. Denn dabei geht das wichtigste Element eines Studiums verloren: Der Austausch sowie das Lernen unter und voneinander. Dieser fehlende Austausch stellt insbesondere die Studierenden im ersten Semester im Wintersemester vor sehr große Probleme.

Zusätzlich sind durch den erneuten Lockdown im November viele Jobs, denen Studierende neben ihrem Studium nach gingen, weggefallen. Die meisten von uns sind Arbeiter*innenkinder und bekommen im Schnitt weniger finanzielle Unterstützung von unseren Eltern, weshalb wir auf einen oder mehrere Nebenjobs angewiesen sind. Während das Einkommen von Akademiker*innenkindern laut einer Studie des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016 zu zwei Dritteln aus elterlicher Unterstützung besteht, ist es bei den Arbeiterkindern nur ein Drittel. Auch Studierende die Unterstützung seitens der Eltern bekommen sind in Zeiten von Kurzarbeit und Lockdown in einer schwierigen Lage. Die Corona Pandemie ist somit für viele Studierende eine existenzielle Bedrohung.

Neben dieser existenziellen Bedrohung bedeutet der Lockdown aufgrund unserer ohnehin oft prekären Wohnsituation noch höhere psychische Belastung für Studierende. Laut der NAKO Gesundheitsstudie, die vom Helmholtz Institut durchgeführt wurde, haben Ängste und depressive Symptome signifikant bei jüngeren Menschen zugenommen. Die erneute Schließung der Bibliothek bedeutete für Studierende das sie bei der Erstellung von Haus- und Abschlussarbeiten wie auch bei der Vorbereitung auf Prüfungen keinen Zugang zu Fachliteratur hatten. Für Studierende ohne geeigneten Arbeitsplatz zu Hause, für Studierende mit Kindern oder anderen Pflegeaufgaben bedeutet eine Schließung der Bibliotheken auch, dass sie keinen Ort mehr zum Arbeiten haben.

Ganz abgesehen davon, dass uns, egal wie sich die Universität um einen auch reibungslosen technischen Ablauf der Onlinelehre bemüht, ganz grundsätzliche Probleme weiterhin begleiten. Das WLAN fällt andauernd aus; das 9 m² WG-Zimmer wird Homeoffice, Schlafplatz, Küche und Erholungsort. Auch wir stehen unter psychischen Belastungen durch zu pflegende Angehörige, die ggf. einer Risikogruppe angehören und kranke oder verstorbene Familienmitglieder und Freunde. Insbesondere in Zeiten der Pandemie, in denen ein Austausch mit den uns lieben Menschen und in denen auch ein Abschied von geliebten Menschen nicht möglich ist, beeinflussen uns diese Sorgen sowie auch die Sorgen um die zukünftige Entwicklung unserer möglichen Lebenswege sehr. Sie wissen sicher zu gut: Von diesen zuletzt genannten Aspekten ist ein erfolgreiches Studium zwar nicht direkt, aber indirekt mit abhängig und betroffen.

Für alle Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, ebenso wie für die TU Dresden und für die Goethe-Universität-Frankfurt wurde die Freiversuchsregelung des vergangenen Semesters, aufgrund der aktuellen Lage, bereits verlängert. Außerdem wurde die individualisierte Regelstudienzeit wurde für Studierende, die im Sommersemester 2020 und/oder im Wintersemester 20/21 eingeschrieben sind, in den Bundesländern Berlin, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen bereits um zwei Semester erhöht. Für Studierende in Hessen und somit auch für Studierende an der Uni Kassel wurde aufgrund des Ministeriumsbeschlusses bis jetzt die Regelstudienzeit um nur ein Semester erhöht. Wenn dies so bleiben sollte, würde das eine erhebliche Benachteiligung für Studierende an der Uni Kassel gegenüber den Studierenden aus den oben genannten Bundesländern bedeuten. Auch haben diese Studierende deshalb einen verlängerten BAföG-Anspruch und sind daher während der Fortführung ihres Studiums im Gegensatz zu dem Großteil der Kasseler Studierenden von ihren Existenzängsten befreit. Auch deshalb bitte ich nicht nur für den Freiversuch, sondern ebenfalls für die Option der Notenverbesserung zu votieren. Faire Ausgleichsbedingungen im Ausnahmezustand gönnen wir allen Studierenden, doch die ungleiche Verteilung schadet in der bundesweiten Konkurrenz uns Studierenden in Kassel. Das ist gerade für die zulassungsbeschränkten Masterstudiengänge eine Katastrophe.

Wir fordern aus diesem Grund eine einheitliche Regelung zur Erweiterung der Regelstudienzeit, eine erneute Freiversuchsregelung und die Verlängerung der Abgabefristen!