Nationalsozialismus am Holländischen Platz, Kassel

Nationalsozialismus am Holländischen Platz, Kassel
 
Die Zeit des Nationalsozialismus und der aus ihm resultierenden Weltkrieg hat Kassel stark geprägt. Das erklärte Ziel der Zerstörung Kassels hat durch die entsprechenden Kriegshandlungen zu vielen Opfer geführt. Die Reichkristallnacht am 9. November 1938 hat Kassel in einen Herd der Gewalt verwandelt, dem der jüdische Teil der Bevölkerung Kassels zum Opfer gefallen ist. Schon zwei Tage zuvor kam es am Holländischen Platz zur Zerstörung der hundertjährigen Synagoge. Zeugen berichten von einem „aufgehetzten Mob“, der das Inventar der Synagoge auf die Straße schleppte, diese anzündete und weiterzog, hin zum jüdischen Verwaltungs- und Schulgebäude. Dabei wurden sie von Hunderten stummen Beobachter*innen unterstützt. Im Zweiten Weltkrieg kam es in der Nacht von 22. Auf den 23. Oktober 1943 dann zu einer nichtanhaltenden Attacke der Alliierten auf die Stadt. Das Ausmaß der Zerstörung Kassels und ihre Opfer werden auf 80 % geschätzt und eine Todeszahl von mehr als 10 000 Menschen angenommen. Zeitzeugen berichten von der Angst, im Bunker zu ersticken oder im Freien den Bomben ausgeliefert zu sein, außerdem von Brandherden, die noch sieben Tage nach dem Angriff schwelten. Warum war der Angriff so aggressiv? Kassel war aufgrund des Sitzes eines der drei größten Rüstungsproduzenten ein wichtiges Ziel der alliierten Mächte. Es handelt sich dabei um das damals renommierte Unternehmen Henschel. Mit der Produktion der Panzer Tiger I und Tiger II in Kooperation mit Porsche, waren sie für die Kriegsführung Deutschlands unentbehrlich. Doch nicht nur die Panzerproduktion, auch die Produktion von Lokomotiven machte Henschel zum attraktiven Ziel. Denn ohne Transportmittel konnten Soldaten nicht an die Fronten geschickt, Zwangsarbeiter*innen nicht geschickt und jüdische Menschen nicht deportiert werden. Vor allem für die geplante Expansion in den Osten waren Schienen und Lokomotiven wesentlich. Die Montagehalle der Lokomotiven befand sich im „Gebäude K9“. Dieses Gebäude beherbergt heute die Human- und Geisteswissenschaften der Universität Kassel am Holländischen Platz. Das einzige, das noch an die Funktion von K9 als Montagehalle erinnert, ist sein Name: das „K“ steht für den Produktionsort Kassel und wurde von der Henschelverwaltung eingeführt. Neben dem K9 stehen auf dem Campus des Holländischen Platzes noch das K10, K13, das Gießhaus, K44, K 36, K11 und das K19. Das K10 war das Verwaltungsgebäude der Henschelwerke, das Gießhaus ein Museum über die Geschichte des Unternehmens und ein Ort der nationalsozialistischen Propaganda, im K44 wurden Flugabwehr- und Panzerabwehrkanonen endgefertigt und im K19 fand die Kraftwagen-Instandsetzung statt. Im K19 tritt eine weitere hässliche Seite des Nationalsozialismus und des Krieges zutage: die Zwangsarbeit. 1942 ließ Henschel insgesamt 6 000 Zwangsarbeiter*innen harte Arbeit unter menschenunwürdingen Bedingungen verrichten. Wie viele Zwangsarbeiter*innen im K19 die Wagen beladen und in den Wartungsgruben arbeiten mussten, ist nicht bekannt. Zeitzeugen berichten von Zehn- bis Zwölfstunden-Schichten, sieben Tage die Woche, von kargem Essen und Drangsalierung durch die Aufseher. Um dieser Mühsal zu erinnern, wurde das K19 unter Denkmalschutz gestellt. Heute – aufgrund des neuen Stadtbildes, der Umfunktionierung und Integrierung der Gebäude in die Universität und des Generationenwechsels – scheint der Anteil in Vergessenheit zu geraten, den die Firma Henschel, den weitere Industrieunternehmen und den die Wissenschaft zum Verlauf unserer Vergangenheit und der damit einhergehenden Zerstörung beigetragen hat. Lediglich ein Mahnmal, das einen Wagon auf Schienen zeigt, aus welchen „leere“ Gestalten herausstürzen und der durch den AStA organisierte „Weg der Erinnerung“ zeigen die Greul und den Beitrag, ebenso wie die Signifikanz der Rüstungsindustrie am Holländischen Platz im Zweiten Weltkrieg auf. Es gilt nach wie vor, das Ausmaß der Zerstörung in Kassel – aufgrund der ansässigen Rüstungsindustrie, seines Antisemitismus, des Bombardements, der Zwangsarbeit und der Deportation – weiter in Erinnerung zu behalten und darauf aufmerksam zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.