Offener Brief zum Raumentzug für kritische Veranstaltungen an der Uni Kassel

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Kanzler,

sehr geehrtes Präsidium,

 

die Universität Kassel soll nach ihrem eigenen Selbstverständnis ein Ort sein, um „Ideen zu fördern, zu entwickeln, zu überprüfen und umzusetzen […] auch wenn sich diese (noch) nicht im Mainstream befinden“[1]. Eine Universität muss darüber hinaus ein Ort sein, in dem kritischer und freier Wissenschaft Raum geboten wird. Die Universität rühmt sich auf ihrer Homepage damit, dass sie eine „Offenheit für neue Themen nicht nur bei Studium, Lehre und Forschung“ auszeichne[2]. Dies scheint jedoch leider nur für ökonomisch verwertbare Forschung und nicht für gesellschaftswissenschaftliche Theoriebildung zu gelten. Während sich die Universität als „Gründeruni“ stilisiert, bleiben gesellschaftskritische Vorstöße oftmals auf der Strecke.

Die Freiheit der Wissenschaft und der Presse, demokratische Rechte und bürgerliche Freiheiten sind weltweit gefährdet. Doch der Einsatz für kritische und freie Wissenschaft ist gerade in demokratischen Rechtsstaaten noch kein vergeblicher Kampf. So versucht beispielsweise das Scholars at Risk Network politisch verfolgten Akademiker*innen eine Perspektive für die Fortsetzung ihrer kritischen Wissenschaft im Exil zu bieten. Auch in Deutschland wird das Netzwerk von 34 Mitgliederorganisationen unterstützt. Darunter auch die Freie Universität Berlin, die mit Esra Demir-Gürsel und Kivanç Ersoy zwei Wissenschaftler*innen aufnahmen, die sich in der Türkei gegen das Vorgehen des türkischen Militärs gegen die kurdische Bevölkerung eingesetzt haben. In der Türkei forschende Wissenschaftler*innen sind in den letzten Jahren immer stärker unter Druck geraten, weil sie sich, wie Kivanç Ersoy, für die Rechte von Minderheiten wie den Kurd*innen in der Türkei und Frieden in der Region einsetzen.

Judith Butler forderte auf der Konferenz von Scholars at Risk[3], die vom 24.-26. April an der TU Berlin stattfand internationale Solidarität von Universitäten ein. Sie sagte: „Wir sind alle potenzielle Scholars at Risk“[4]. Die Universitäten müssten „Zufluchtsorte“ sein und Attacken von außen widerstehen.

Auch die Universität Kassel wurde 2017 Mitglied im Netzwerk Scholars at Risk. Zu Beginn des Jahres 2018 bekamen zwei türkische Wissenschaftler*innen ein Vollstipendium für einen zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Universität Kassel. Die Studierendenschaft begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich und unterstützt den Einsatz für eine freie Wissenschaft und die Wahrung der Menschenrechte von Akademiker*innen.

Umso mehr sind wir irritiert und erschüttert, dass die Universitätsleitung die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, um kritische Veranstaltungen aus der Studierendenschaft an der Universität zu verhindern.

An der Universität Kassel sollte im Mai eine Veranstaltungsreihe zu „Demokratischen Utopien im syrischen Bürgerkrieg“ stattfinden. Die Zusage für Räumlichkeiten blieb jedoch von Seiten der Unileitung aus. Ohne Begründung wurde der Raumantrag abgelehnt. In einem persönlichen Gespräch zwischen dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und Ihnen, sehr geehrtes Präsidium, wurde zugesagt die Veranstaltungen Ihrerseits erneut zu prüfen. Dies blieb jedoch widererwarten ohne Ergebnis, sodass die Veranstaltungen an einen außeruniversitären Standort ausweichen mussten.

In der Veranstaltungsreihe, die unter anderem vom AStA Kassel und dem Solidaritätskomitee Rojava geplant wurde, sollten unterschiedliche wissenschaftliche Konzepte diskutiert werden, die den demokratischen Bestrebungen in Nordsyrien zu Grunde liegen: von staatstheoretischen Überlegungen zur konföderalen Organisation abseits der Nationalstaatlichkeit bis hin zu postkolonialen und feministischen Theorien im Kontext der kurdischen Frauen*befreiung. Den Vorwurf die Veranstaltungsreihe habe keinen universitären Bezug, weisen wir scharf zurück. Auch die Professor*innen Sonja Buckel und Aram Ziai legten Ihnen die fachliche Relevanz bereits schriftlich dar.

Mit Bestürzung mussten wir feststellen, dass die Einschränkung der studentischen Selbstverwaltung durch Raumentzug und damit die Unterdrückung von kritischer Wissenschaft mit dieser Veranstaltungsreihe kein Ende fand. Nur wenige Wochen später wurde auch ein vom AStA und der studentischen Gruppe „Block War“ geplanter Vortrag zur Kasseler Rüstungsindustrie mit einem Referenten der DFG-VK von Seiten der Universität untersagt. Der AStA hat in den letzten Jahren wiederholt Veranstaltungen mit der DFG-VK an der Universität Kassel durchgeführt. Dass eine Auseinandersetzung mit der Kasseler Rüstungsindustrie einen hochschulpolitischen Bezug hat, wird schon durch die Notwendigkeit der Zivilklausel deutlich.

Der Entzug von universitären Räumen für kritische Veranstaltungen ist skandalös. Nachdem ein persönliches Gespräch in dieser Sache keine Wendung brachte, sehen wir uns dazu gezwungen auch öffentlich gegen diese Zustände zu protestieren.

Wer sich wie die Universität Kassel die Unterstützung von kritischer Bildung auf die Fahne schreibt, muss auch die Räume bieten, in denen diese stattfinden kann!

In diesem Sinne verbleiben wir mit freundlichen Grüßen,

AStA Universität Kassel und Solidaritätskomitee Rojava Kassel

[1] https://www.uni-kassel.de/uni/universitaet/ueber-uns/die-ideen-universitaet.html, aufgerufen am 28.05.2018.

[2] Ebd.

[3] https://www.berlin-university-alliance.de/impressions/20180424-scholars-at-risk-world-congress/index.html, aufgerufen am 14.05.2018.

[4] https://www.tagesspiegel.de/wissen/judith-butler-an-der-freien-universitaet-berlin-wir-sind-alle-potenzielle-scholars-at-risk/21210264.html, aufgerufen am 15.05.2018.

WEG MIT
§219a!

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