recht extrem – Wissen, Meinen und Glauben in der Krise Montags, 18-20 Uhr, online

In Gedenken an den rassistischen Mord an Halit Yozgat, welchen der rechtsextreme NSU 2006 unweit des Campus Holländischer Platz begangen hat, findet seit 2012 jährlich mit wechselnden Themen die Ringvorlesung gegen Rechtsextremismus an der Universität Kassel statt. Nachdem die Vorlesung sich im letzten Wintersemester rechtspopulistischen und rechtsextremen Dynamiken in unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Räumen widmete, wollen wir im kommenden Wintersemester 2020/21 den Blick auf das Spannungsfeld von Wissen, Meinen und Glauben in gesellschaftlichen Krisenzeiten richten. So kann auch das Wissen um die konkreten Strukturen und Mittäterschaften des NSU bis heute als ungesichert und lückenhaft gelten. Bestimmtes Wissen wird dabei bis heute unter Verschluss gehalten – rassistische Vorannahmen sorgten lange Zeit dafür, dass in falsche Richtungen ermittelt wurde.

In den letzten Jahren zeigen sich Krisen als reale existenzielle Bedrohungen (Klimakrise, aktuell die „Corona-Krise“) der Gesellschaft sowie Krisen-Narrative, die verstärkt in den Mittelpunkt gerückt werden. Dabei verweisen empirische wie auch theoretische Analysen auf weitreichende gesellschaftliche Umbrüche in Krisenzeiten. Auch im Zuge der aktuellen Covid-19-Pandemie werden Krisendiagnosen vorgenommen: So wird nun stärker auf die Folgen der Pandemie hingewiesen, die im Rahmen einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft soziale Ungleichheiten verhärte. Es besteht Einigkeit darüber, dass derartige globale wie ökonomische Krisen eine gewisse Instabilität der Gesellschaft provozieren sowie die Demokratie auf den Prüfstand stellen. Andere gesellschaftliche Bewegungen wurden mit dem Narrativ der Krise versehen, so etwa der Sommer der Migration 2015, der als „Flüchtlingskrise“ markiert wurde – rechte Akteur*innen bedienen sich dabei wissenschaftsleugnenden und menschenfeindlichen Deutungen, die mit antipluralistischen und rassistischen Interpretationen kombiniert werden.

Seit Anfang April existieren in vielen Großstädten sogenannte „Hygiene-Demos“, die vermeintlich für Grundrechte und gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie demonstrieren – ihre Forderungen beziehen sich dabei aber nicht auf die Grundrechte aller Menschen (wie etwa für diejenigen, die an den europäischen Grenzen festgehalten werden) oder gesellschaftliche Themen (wie die bessere Bezahlung von Arbeitnehmer*innen im Pflege-, Sozial- und Gesundheitswesen), sondern auf ihre individuellen Freiheitsrechte. Neben „besorgten Bürger*innen“ und Impfgegner*innen mischen dort Querfront-Ideolog*innen mit, die diese Veranstaltungen nicht selten zur Plattform für rechte bis rechtsextremistische Parolen machen. Antisemitistische Bilder werden dort unverhohlen propagiert.

Auf diesen Veranstaltungen werden v. a. Fehl-Informationen und vermeintlich exklusives Wissen geteilt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dort negiert oder instrumentalisiert. Wir nehmen diese Momentaufnahme der aktuellen Pandemie-Situation zum Anlass, darüber nachzudenken:

a) welche Rolle Wissen(schaft), Meinen und Glauben in unserer Gesellschaft spielen,

b) welche Möglichkeiten derartige Krisen bieten, von Rechts vereinnahmt zu werden und

c) was diese Aushandlungen für unsere Demokratie bedeuten.

Dabei möchten wir aus politikwissenschaftlicher, sozialwissenschaftlicher, erziehungswissenschaftlicher, geistes- und kulturwissenschaftlicher aber auch aus wissenschaftstheoretischer Perspektive Fragen beleuchten wie: Welches Wissen liegt über Rechtextremismus/-populismus vor und wo fehlt explizites Wissen? Wie vereinnahmt der autoritäre (Rechts-)Populismus Fake-Science für seine Belange? Wie kommt es dazu, dass sehr tradierte antisemitische Verschwörungsideologien weiter an Zuspruch gewinnen? Was unterscheidet eine Theorie von einer Ideologie? Welche Rolle spielte und spielt Wissenschaft eigentlich bei der Hervorbringung von stereotypen, stigmatisierenden Bildern? Wie findet wissenschaftliches Wissen Eingang in rechte Ideologien?

Wir wollen aber auch diskutieren, wie in solchen „Krisenzeiten“ Veränderung in Gang gesetzt werden kann: So wird der aktuellen Pandemie-Situation aber auch dem Sommer der Migration zugeschrieben, Solidarität in der Gesellschaft hervorzubringen. Neben den Herausforderungen, die sich dabei für die außerschulische Bildung oder die Soziale Arbeit stellen, bspw. Demokratiebildung zu stärken, diskutieren wir auch die Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Gegenstrategien.

Das Konzept der Ringvorlesung sieht vor, Vertreter*innen aus verschiedenen Disziplinen (u.a. Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit, Psychologie, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaften, Sprachwissenschaft, Philosophie) einzuladen, die theoretische oder empirische analytische Einblicke in jüngere gesellschaftliche Entwicklungen geben. Wie in den letzten Jahren richten sich die Vorträge sowohl an die Mitglieder der Universität als auch an andere Einwohner*innen der Stadt Kassel; wieder sollen Studierende in diversen Modulen, insbesondere im Kernstudium und in Schlüsselkompetenzen, Studien- und Prüfungsleistungen erbringen können. Aufgrund der unsicheren Planungslage bzgl. des Wintersemesters könnten wir uns vorstellen, das Format als Online-Vorlesung zu planen.

Die Vorlesung wird in drei inhaltliche Blöcke gegliedert sein:

  • Im ersten Block wird die Rahmung der Ringvorlesung wissenschaftstheoretisch grundiert und die Bezüge zum Thema Rechtsextremismus herausgestellt
  • Im zweiten Block wird anhand verschiedener immer wiederkehrender Themen rechter Ideologie aufgezeigt, wie sich rechtsextreme sowie rechtspopulistische Gruppen wissenschaftsleugnenden und menschenfeindlichen Deutungen, Narrationen und Bildern bedienen und wie konstant und verbreitet diese Praktiken auch in alltagsweltlichen und zivilgesellschaftlichen Feldern sind
  • Im letzten Block geht es um Gegenperspektiven und Gegenstrategien zur Ausbreitung rechter und rechtsextremer Denk- und Argumentationsmuster auf diversen handlungspraktischen Ebenen. Insbesondere soll thematisiert werden, wie außerschulische und politische Bildung einen Beitrag zur Eindämmung dieser Wissens- und Glaubensbestände leisten kann.
Datum Referent*in Vortragstitel
02.11.20 Namen FB01,02,05, & AstA Eröffnungssitzung mit Grußworten
09.11.20 Prof. Dr. Klaus Dörre (Universität Jena) Risiko Kapitalismus: Pandemie, Zangenkrise, Nachhaltigkeitsrevolution
16.11.20 Prof. Dr. Dirk Stederoth (Universität Kassel) Die Welt als Fake und Propaganda. Warum die Neue Rechte weder weiß noch glaubt noch meint
23.11.20 Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber (Fachhochschule des Bundes, Brühl) ‚Bausteine‘ zu einer Theorie über ‚Verschwörungstheorien‘. Definitionen, Erscheinungsformen und Funktionen
30.11.20 Pia Lamberty (Johannes Gutenberg Universität Mainz) Der Glaube an Verschwörungen. Eine psychologische Betrachtung
07.12.20 Tom Uhlig (Anne-Frank Bildungsstätte, Frankfurt a. Main) The truth is far more fritghtening: nobody is in control“. Zur Gegenwart von Verschwörungstheorien  
14.12.20 Natascha Strobl (Wien) Die Neue Rechte, Corona und Verschwörungsideologien
18.01.20 Ansgar Martins (Goethe-Universität Frankfurt a. Main)   Esoterische Wissenschaft
25.01.21 Prof. Dr. Fabian Kessl und Prof.in Dr.in Rita Casale (Bergische Universität Wuppertal) Der Kampf um Freiheit: Das Aufbegehren der Corona-Demos
01.02.21 Marie Diekmann Strategische Bezüge auf Meinungsfreiheit – Ein rechtswissenschaftlicher Blick auf die Debatte um Hate Speech und Cancel Culture
08.02.21 Prof. Dr. Ralf Mayer und Julia Golle (Universität Kassel)  
15.02.21 Sinah Mielich und Fabian Fritz (HAW Hamburg) „Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken!“ (Rosa L.) – Ein Diskussionsbeitrag zur Neutralität und Politisierung der Kinder- und Jugendarbeit und ihre Folgen für die Demokratiebildung

*Unterstützt von FB01, FB02, FB05, AStA
Gasthörer*innen erhalten den Zugangslink zum jeweiligen Vortrag per Mail. Hierzu genügt eine kurze Nachricht an simon.s@uni-kassel.de